Ist CBD-Gras die perfekte Lifestyle-Droge?

Was ist dran am Hype um den legalen CBD-Hanf? Der Selbstversuch zeigt: Das Cannabis mit tiefem THC-Gehalt ist weit mehr als ein Ersatzprodukt für Kiffer auf Entwöhnung.

Augenschein vor Ort: Im CBD-Hanfshop herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Als gäbe es warme Weggli. Zeitweise ist der kleine Raum gerammelt voll mit bunt gemischtem Volk. Die Kunden wählen aus zwischen mehreren Sorten Hanfblüten, wer will, kann in Mustergläsern das Produkt seiner Wahl erriechen.

Eine Frau mittleren Alters wartet die ganze Zeit ungeduldig neben der Theke. Sie wolle da sein, wenn der Kurier die neuen CBD-Tropfen vorbeibringe, erklärt sie. Sonst seien die wieder sofort ausverkauft, die Nachfrage sei gewaltig. Wozu sie die Tropfen nimmt? Nein, sicher nicht zum Schlafen, das könne sie dann gar nicht, sagt sie, lacht verschmitzt und schweigt. Auch das Verkaufspersonal gibt keine Auskunft darüber, wozu die Tropfen gut sind und was man damit tun kann. Sie dürfen nicht. Der Hype bleibt vorerst rätselhaft.

Preise wie für illegales Cannabis

CBD-Hanf gilt als nicht psychoaktiv, da er weniger als ein Prozent THC enthält. Doch ein reines Placebo ist er nicht. Statt auf THC wurde er auf – eben – einen hohen Gehalt an CBD gezüchtet. CBD ist eine Abkürzung für Cannabidiol. Es soll entkrampfend, entzündungshemmend und angstlösend wirken – das klingt etwa so spektakulär wie Kamillen- oder Melissentee. Und dafür bezahlen all die Kunden im Hanfshop gleich viel (oder mehr) wie für illegales, also berauschendes Cannabis? Das kann ich mir nicht recht vorstellen.

Da bleibt nur der Selbstversuch. Ich kaufe ein Fläschchen mit einem alkoholischen CBD-Auszug und ein versiegeltes Plastik-Döschen mit fünf Gramm CBD-Blüten.

Testumgebung I: Büro

Am Kiosk noch schnell Papierli kaufen, dann kann es losgehen. Seit dem letzten Joint sind Jahrzehnte vergangen. Mal sehen, wie sich das anfühlt. Bauen ist ein bisschen mühsam, Rauchen wie damals, beim richtigen Gras: Aromatischer Rauch, der im Hals fies kratzt und einen anhaltenden Hustenreiz hinterlässt. Das muss definitiv nicht sein.

Zurück ins Büro. Ich bin völlig klar im Kopf, trotzdem spüre ich eine Wirkung. Eindeutig. Ein klein wenig wattig fühle ich mich, aber nur einen Hauch, das könne aber auch von dem Rest-THC-sein, das im Gras war. Spannender: Ich bin auf einmal eigentümlich vergnügt. Und das bleibt so, den ganzen Nachmittag lang. Ich gehe meinen Pflichten nach, ertappe mich zwar manchmal, wie ich gedanklich abschweife in Sphären, die ich sonst selten besuche. Aber ich kann jederzeit problemlos wieder fokussieren. Meine Aufgaben erledige ich sorgfältig und mit Vergnügen. Auch die, die ich sonst gar nicht mag.

Die Kommunikation mit anderen Menschen im Büro scheint herzlicher abzulaufen, verbindlicher. Hier ein Scherz mehr, dort eine zusätzliche Frage nach der Befindlichkeit. Ich kommuniziere eindeutig anders, fühle mich geerdeter und spontaner. Definitiv ein angenehmer Zustand: Eine auf ganz eigentümliche Art leicht frivole Zufriedenheit, die auch nach Stunden nicht weichen will.

Testumgebung II: Smalltalk mit Unbekannten

In CBD-Erfahrungsberichten im Netz wird das Produkt wegen seiner angstlösenden Wirkung als ideale Vorbereitung für Auftritte vor Publikum angepriesen. Das Risiko eines öffentlichen Auftritts will ich aus naheliegenden Gründen nicht eingehen, aber am nächsten Tag steht ein Geburtstagsbrunch an, bei dem ich die wenigsten Leute kenne. Ideales Testgebiet. Nach dem Aufstehen lasse ich mir drei Tropfen CBD-Auszug auf der Zunge zergehen. Prompt ist sie wieder da, diese rätselhafte Unbekümmertheit, die Emotionen der Kategorie «Steuererklärung», «Wurzelbehandlung» oder «Kündigungsgespräch» zwei Drittel ihrer Spitze nimmt, und das ohne jede Verdrängungswirkung. Wäre ich nicht im Zug nach Zürich, ich würde mich prompt an die Arbeit machen.

Der Brunch läuft gut. Ich lerne viele neue Menschen kennen, tausche Nettigkeiten aus und plaudere etwas fröhlicher daher als sonst. Ganz speziell wirds aber, wenn es grad nichts zu sagen gibt: In Momenten des normalerweise angespannten sozialen Schweigens bleibe ich absolut tiefenentspannt. Dem Gegenüber wird schon wieder etwas einfallen, sage ich mir. Und sonst ist auch egal, schweigen ist doch auch gut. Schliesslich ist es schön hier, das Essen ist gut, die Menschen schön, und überhaupt, ich bin so unglaublich zufrieden.

Bei höherer Dosierung, so heisst es im Netz, können CBD-Konsumenten auf andere mürrisch wirken. Ich stelle mir vor, dass dann diese süsse Entspanntheit in ein Scheissegal-Gefühl kippt, in einen Egoismus und eine Isolation, die mir nicht erstrebenswert scheinen.

Fazit

Mein Eindruck: CBD ist weder Attrappengras noch Kinderzeugs. In seiner diskreten, stimmungsaufhellenden Wirkung ist es der perfekte Lifestyle-Zusatz für sozial gestresste Menschen. Und wer ist das nicht. Ist es eine Droge? Ich würde sagen: Eindeutig. Um keine zu sein, ist der Zustand zu attraktiv, die Wirkung zu klar. Und wenn regelmässiger Konsum mittelfristig die Persönlichkeit beeinflusste, wäre das kaum eine Überraschung.

 

Quelle: 20min.ch